Samstag, 28. April 2012

Sweeney Todd - Adelphi Theatre

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, in diesem olympischen Jahr keine weiteren Reisen nach London zu unternehmen, bis im Winter endlich einige neue Shows starten. Auch wenn ich dann schweren Herzens auf "Sweeney Todd" verzichten musste. Doch dann kam "The Duchess of Malfi" mit einer absoluten Traumbesetzung ins Old Vic und sämtlich guten Vorsätze gingen über Bord. London, here I come.

Natürlich habe ich dann auch bewusst den Mittwoch gewählt, um eine Matinee mitnehmen zu können, denn anders als in Deutschland, wo das "Besetzungs-Roulette" und die Chance die Erstbesetzungen zu sehen mittlerweile einer lächerlichen Farce gleichkommen, kann man in London doch recht sicher sein, dass die Leute auch spielen, die man sehen möchte. So standen dann auch Michael Ball und Imelda Staunton in der Mittwochs-Nachmittagsvorstellung von "Sweeney Todd" im gutgefüllten Adelphi Theatre erwartungsgemäß beide auf der Bühne.

Regisseur Jonathan Kent und Designer Anthony Ward haben Sondheims Horrorshow in die 30'er Jahre verlegt, was insgesamt sehr gut funktionierte. Ob die optische Gleichheit von Judge Turpin (John Bowe) und Beadle Bamford (Peter Polycarpou) so geplant war, weiß ich nicht – die beiden erinnerten mich leider eher an die beiden "Tintin"-Detektive Dupond und Dupont (Schultze und Schulze), aber das war auch schon der einzige negative Aspekt dieser ansonsten herrlich düsteren Inszenierung, die von bleichen Lampen, Nebel und Metall dominiert wird. Da ich bislang nur die Film-Adaption mit Johnny Depp und Helena Bonham-Carter kannte, die Tim Burton in seinem typisch überfremdeten Gothic-Stil gedreht hatte, war es für mich ein interessanter Vergleich, diese recht "normal" wirkende Bühnenversion zu sehen - und Hauptdarsteller, die wirklich singen konnten.

Michael Ball hat sich in den letzten Jahren beeindruckend entwickelt – nach vielen Jahren als Schmusesänger und Liebling der Frauen zunächst seine große Comedy-Rolle als Edna Turnbald und nun als blutrünstiger Horrorbarbier – alle Achtung! Mit Bärtchen und dunkler Haartolle kaum wieder zu erkennen, bietet er eine beeindruckende Leistung – fast schade, dass ihm die grandiose Imelda Staunton als Mrs Lovett so locker den Rang abläuft. Staunton hat schon mit dem preisgekrönten Film "Vera Drake" und ihren Auftritten als Dolores Umbridge in den Potter-Filmen gezeigt, dass kaum jemand es so gut beherrscht wie sie, die harmlose Mutti mit tiefschwarzen Abgründen zu verkörpern und ihre teilweise überdrehte, teilweise eiskalte Mrs Lovett war für mich der Star der Show. Zusammen mit Michael Ball auf jeden Fall ein grandioses Duo Infernale, neben denen alle anderen zwangsläufig verblassten, auch wenn vor allem Luke Brady als Anthony einen sehr positiven Eindruck bei mir hinterließ.

Ab und zu hat das Stück einige Längen, doch insgesamt ist diese Fassung für mich eine absolut empfehlenswerte neue Inszenierung, die es sich alleine für die beiden Hauptdarsteller anzuschauen lohnt. Das bluttriefende Finale ist jedoch nichts für schwache Nerven. Zuletzt noch ein Tipp: Wie schon in englischen Foren debattiert wurde, ist die Bühne wirklich ziemlich hoch. Mehr noch: Viele wichtige Szenen finden auf einer erhöhten Plattform, die Sweeneys Arbeitszimmer darstellt, statt. Wer sich mit einem billigen Day Seat-Ticket in die erste Reihe setzt, muss sich wirklich auf Nackenstarre gefasst machen. Ich war letztendlich froh, dass ich mir dann doch eine Karte zum vollen Preis in Reihe D gegönnt hatte.

The Duchess of Malfi - Old Vic

Nach einer kleinen Pause und Stärkung im Café Rouge ging es dann abends gleich weiter mit dem Gemetzel – diesmal im Old Vic Theatre südlich der Themse, wo Jamie Lloyd eine neue Produktion von Websters Klassiker "The Duchess of Malfi" inszeniert hatte. In der Titelrolle war die grandiose Eve Best zu sehen, die mich seit drei Jahren als herrlich biestige Dr O'Hara in "Nurse Jackie" begeistert und als ihr durchgeknallter Bruder Fernando, der ihr das Leben zur Hölle macht, Jungstar Harry Lloyd, der schon dem durchgeknallten Viserys in "Game of Thrones" erstaunlich viel Leben einhauchte. Klar, die beiden musste ich live sehen!

Bei der Herzogin von Malfi handelt es sich um um die reale Giovanna d'Aragona, die im 15.Jahrhundert im damals selbständigen Amalfi an der italienischen Küste lebte und deren unglückliche Liebe zu ihrem Haushofmeister Antonio Bologna schon bald Eingang in die italienische Literatur fand, wo sie auch John Webster später fand und adaptierte. In seiner Version sind es ihre Brüder, der regierende Herzog Fernando und der Kardinal, die sie zwingen mit Antonio aus Malfi zu fliehen. Der immer irrer werdende Fernando, dessen Interesse an ihr weit über brüderlicher Zuneigung hinaus geht, setzt zusätzlich den Spion Bosola auf sie an, der schon bald berichtet, dass die Herzogin Kinder von ihrem Paramour bekommen hat. Fernando dreht völlig durch und lässt sie verhaften und später hinrichten, doch Bosola zwackt das schlechte Gewissen und er rächt ihren Mord an den Brüdern.

Ich wurde nicht enttäuscht – wie so üblich gab es in London keinen Regietheater-Unsinn sondern eine solide Inszenierung in einem gotischen Rahmen mit dunklen Bogengängen, Kerzen, Weihrauch und waberndem Nebel, der die unheimliche Atmosphäre am Hof von (A-)Malfi hervorragend widerspiegelt, wo intrigiert und gemeuchelt wird. Leider funktionierte die Besetzung dann nicht so hundertprozentig, weil es schwer war, die 40-jährige Eve Best und den 28-jährigen Harry Lloyd als gleichaltrige Zwillinge zu sehen – sie kann zwar als einige Jahre jünger durchgehen, er jedoch nicht als älter. Trotzdem spielten beide grandios und ihre Konfrontation nachdem Fernando von ihrer Ehe mit Antonio erfährt gehörte zu den besten Szenen, die ich seit langem erleben durfte. Großartige Leistungen auch von Mark Bonnar als Spion in Gewissensnöten Bosola, Tom Bateman als Antonio und vor allem Finbar Lynch als eisiger Kardinal, der nach einem Unfall seit der Premiere mit gebrochenem Arm in einer speziellen Schlinge spielt.

Ein Problem des Stückes ist leider, dass Webster seine Heldin bereits zum Ende des 4.Aktes sterben lässt, so dass sich anschließend noch ein ganzer weiterer Akt recht langwierig hinzieht, bis alle anderen ebenfalls gemeuchelt wurden. Zwei Blutbäder an einem Tag – so kann man sich auch eine schöne Zeit in London machen. Der Doppelpack hat sich auf jeden Fall gelohnt!

Sonntag, 15. April 2012

Sondheims "Company" - von New York nach Hürth

Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch an das UCI Kinocenter in Hürth, das es schaffte, eine Konzertübertragung komplett zu versaubeuteln, indem es den 2.Akt zuerst ausstrahlte. Immerhn führte das zu einer Entschuldigung seitens der Kinobetreiber und Freikarten für eine andere Vorstellung, wodurch der exorbitante Eintrittspreis von 16 Euro für das Screening gemildert wurde. 

 Bei dieser Variante von Stephen Sondheims “Company” handelte es sich nun also um die konzertante Version der New Yorker Philharmoniker, die im letzten Jahr mit Neil Patrick Harris in der Hauptrolle in der Avery Fisher Hall aufgeführt wurde. Zu ihm gesellten sich Broadway-Stars wie Patti LuPone, Craig Bierko und Martha Plimpton, sowie Fernsehstars wie Jon Cryer, Christina Hendricks und Stephen Colbert. Es war dann auch die Besetzung, die mich nach langem Zögern dann doch überzeugte, mir das Ding im Kino zu geben, zumal eine DVD-Veröffentlichung derzeit nicht in den Sternen steht. 

Leider ist “Company” für mich eines von Sondheims schwächeren Werken, das zwar einige großartige Songs enthält, aber eine reichlich einfallslose Geschichte, in der im Grunde nur um New Yorker Pärchenprobleme geht, wie sie seit der Uraufführung von “Company” in hunderten Filmen, Fernsehserien und Büchern durchgenudelt wurden – und das häufig wesentlich amüsanter, tiefsinniger oder bewegender als hier. So nervten mich die hier durchgekauten Problemchen eher, die vor allem auch dreißig Jahre nach Entstehung des Stückes reichlich altbacken wirkten. 

Da half es gar nichts, dass wir zuerst den 2.Akt sahen, der eigentlich genau das enthielt was ich sehen wollte – Patti LuPone’s köstliches “The Ladies who lunch”, Neil Patrick Harris’ “Being Alive” und Christina Hendricks’ große Szene als Stewardess April, die zwar viele Kurven mitbringt, aber wenig zwischen den Ohren. Der später folgende 1.Akt zog sich dann auch reichlich zäh hin, mit als einzigem noch nennenswertem Highlight “Another hundred people” der unglaublich gut aussehenden, charismatischen Anika Noni Rose, die in meinen Augen längst eine große Hauptrolle am Broadway verdient hätte. Neil Patrick Harris war als Hauptfigur Robert – jener Junggeselle, der seinen 35.Geburtstag feiert und von seinen längst verheirateten Freunden zur Ehe gedrängt wird – nicht schlecht, aber stimmlich habe ich da schon bessere gehört und alleine aufgrund der vielen Parallelen sah ich eigentlich nur Barney Stinson auf der Bühne und wartete jeden Moment auf eines seiner le-gen-dary!-Bonmots. 

Der Rest der Darsteller war durchaus überzeugend, aber die Figuren nervten mich einfach zu sehr um das Talent von Leuten wie Katie Finneran oder Martha Plimpton zu schätzen. Auch Christina Hendricks blieb eher blass und so war es lediglich die große Broadway-Diva Patti LuPone, die jeden Cent des Tickets wieder wert machte mit ihrer großartigen Darstellung in der jedes Wort und jede Geste saß. 

Insgesamt war es jedoch ein enttäuschender Abend – nicht nur wegen dem Bockmist, den das Kino baute. Die Live-Übertragung des 25th anniversary concert des “Phantoms” fühlte sich ganz anders an – man wusste, dass man live dabei war, dass es eine tolle Chance war auf diese Art live dabei zu sein ohne in der Royal Albert Hall zu sein, die Neugier und Spannung auf das Konzert hatte sich über Wochen aufgebaut und der Kinosaal war proppevoll. Hier verloren sich etwa 10 Personen im Kinosaal und es war eben letztendlich nur eine Konserve, die auf den Broadway-Foren im Internet schon im letzten Jahr ausgiebigst diskutiert wurde. Derartiges werde ich mir wohl in Zukunft lieber sparen und stattdessen auf eine DVD warten, die ich mir wenigstens ins Regal stellen kann.